Blogeintrag: Migränedetektivin
(Februar 2024, Lesedauer ca. 4,5 Minuten)
Ich war Mitte 40 als ich zum Thema Migräne zu forschen begann, die mich plötzlich mit Beginn der Wechseljahre heimsuchte. Ich hatte mein Leben lang nie Kopfweh, ausser wenn ich mal krank war. Schon damals war ich überzeugt, dass es eine Ursache geben musste. Von schulmedizinischer Seite standen starke Schmerzmittel und Triptane zur Verfügung, welche wiederum starke Nebenwirkungen haben können.
Ich erkannte bald einen Zusammenhang zwischen meinen Migräneanfällen und dem vorherigen Konsum von sehr vielen Kohlenhydraten, konkret süssen Omeletten mit Apfelmus zum Znacht. Meine Forschungen ergaben, dass eine von vielen Ursachen einer Migräne Blutzuckerschwankungen sind, ein hoher Blutzuckerspiegel hat immer mit Kohlenhydraten zu tun. Es gibt aber noch zahlreiche andere Gründe für Migräne: Hormonelle Schwankungen (Menstruation, Wechseljahre), Histaminintoleranz, Verletzungen der Halswirbelsäule, Dehydrierung etc. Menschen haben aus unterschiedlichen Gründen Migräneanfälle.
Das mit dem Blutzucker funktioniert folgendermassen:
Durch eine kohlenhydratreiche Mahlzeit steigt der Blutzuckerspiegel im Blut an. Damit der Zucker in die Zellen kommt, wo er als Energieträger benötigt wird, produziert die Bauchspeicheldrüse Insulin. Wenn mehr Glucose vorhanden ist, als in den Zellen benötigt wird, weil der Mensch zum Beispiel grade ruhig auf seinem Bürostuhl sitzt, wird der Zucker flugs zu Speicherfett umgewandelt (das ist der Grund, weshalb Kohlenhydrate dick machen). In der Leber wird Glucose für einen knappen Tag gespeichert. Wenn der Zuckerspiegel zu tief sinkt, produziert die Bauchspeicheldrüse Glucagon, welches das Glykogen (eben den Zuckervorrat in der Leber) wieder zu Glucose umwandelt. Diese Stabilisierung des Blutzuckerspiegels tritt z.B. in der Nacht ein oder zu Beginn einer Fastenzeit.
Wenn nun der Blutzucker rasch ansteigt aufgrund einer sehr kohlenhydrat- und zuckerreichen Mahlzeit, dann wird viel Insulin ausgeschüttet, der Blutzucker sinkt sehr rasch. Bei manchen Menschen kann es dann zur Unterzuckerung kommen. Bei den meisten kommt es einfach zur nächsten Süss-/Heisshungerattacke.
Bei mir kam es nach der Zuckermahlzeit zu einer Unterzuckerung in der folgenden Nacht, gepaart mit Dehydrierung. Viel Zucker macht eben auch durstig, Zucker braucht viel Wasser, genau so wie Salz. So verstand ich plötzlich, weshalb ich morgens gegen 4 Uhr eine Migräne bekam. Tagsüber führten die Kohlenhydrate zu Heisshunger, wenn ich diesem nicht nachgab auch zu Migräne. Darum war ich in jüngeren Jahren ständig am Essen, damit ich nicht in eine Unterzuckerung geriet. Das stresste und behinderte den Alltag. Zudem ist es ungesund.
Meine Recherchen ergaben, dass eine kohlenhydratarme oder ketogene Ernährung den Blutzuckerspiegel stabil hält. Voller Neugierde machte ich mich an die ketogene Diät. Das heisst, weniger als 20 bis 50 g Kohlenhydrate pro Tag essen! Zur Veranschaulichung: Ein Teller Pasta hat bereits rund 80 bis 100 g Kohlenhydrate. Bei der ketogenen Ernährung wird sogar unterschieden zwischen roten und grünen Peperoni, Wurzelgemüse und anderem. Wenn man keine Kohlenhydrate isst, braucht man viel Protein und Fett um die Energiezufuhr sicherzustellen.
Die ersten Tage waren hart. Unsere Körper kommen zwar im Zustand der Ketose zur Welt, werden aber rasch auf Kohlenhydrate «umgestellt», weshalb es dann später etwas mühsam wird, die Kohlenhydrate wieder «abzugewöhnen», weil diese so einfach zu verstoffwechseln sind. Dazu muss man aber wissen, dass der menschliche Körper keine Kohlenhydrate braucht, Kohlenhydrate sind nicht essentiell. Proteine und Fette aber sind lebensnotwendig. Unser Gehirn braucht sehr viel Energie, ja ist der grösste Energieverbraucher in unserem Körper, das erklärt vielleicht den Kick, wenn wir Zucker essen und erklärt auch die Anfälligkeit für Migräne (Kopfweh), wenn die Energieversorgung ins Stocken gerät. Jedoch kann auch das Gehirn Ketonkörper (die in der Ketose bereitgestellten Energieträger) verarbeiten, es ist eben eine Frage der Gewöhnung.
Der langen Rede kurzer Sinn: Anfangs konnte ich kaum mehr die Beine bewegen, mein Körper wehrte sich, trötzelte, schrie nach Kohlenhydraten, hatte keine Energie. Jedenfalls schaffte ich nach ungefähr einer Woche die Umstellung und fühlte mich wie neu geboren, satt und voller Energie. Die ketogene Diät ist aber sehr hart. Man ist die ganze Zeit am Kohlenhydrate zählen. Ich ass viel Käse, weniger Fleisch, viel Fett, kohlenhydratarmes Gemüse, Beeren und wenig zuckerarmes Obst. Sachen wie Speck mit Spiegeleiern gelten im Rahmen dieser Diät als gesund. Heisshungerattacken und Migräne gab es keine mehr, dafür mal einen Krampf in den Beinen und ich nahm ein paar Kilogramm ab. Das ständige Zählen und Tracken meiner Nahrung war aber Nichts für mich. Ich stellte nach und nach um auf eine moderate Low-Carb Ernährung, für mich persönlich das Ideal, aber auch in gesundheitlicher Hinsicht in vielen Bereichen und für viele Krankheiten zu empfehlen.
Ich ging zur Hausärztin, die meine Blutwerte mass. Oh Wunder: Die Cholesterinwerte waren in den Normalbereich gesunken (wo sie vorher zu hoch waren, siehe Blog Cholesterin). Sie fragte verwundert: «Was haben Sie denn gemacht?» Low carb - high fat oder ketogen führte bei mir zu einem tieferen Cholesterinspiegel. Das ist kein Wunder, wie ich später herausfand. Und noch etwas: Meine Eisenwerte waren jahrelang zu tief und plötzlich waren sie gut. Ich dachte noch, das sei vom Fleisch. Meine Hausärztin mutmasste aber, dass es am Verzicht auf Weizen liegen könnte, das habe sie an der Mutter eines zöliakiekranken Kindes gesehen, die plötzlich selbst gute Eisenwerte hatte. Toll, oder?
Ausserdem verschwanden meine Verdauungsprobleme, meine Rosazea, meine Ekzeme auf der Kopfhaut, mein Karpaltunnelsyndrom, zum grössten Teil meine Schmerzen (wo lange der Verdacht auf Fibromyalgie bestand, wie bei meiner Mutter) und die Migräne wurde berechenbar. Aber auch ich lebe spontan, alles kann man nicht unter Kontrolle haben, das musste ich auch lernen.
Herzlich,
Sandra Gatti